Ausreisekurs – wer reist denn so mit Brot?

2,5 Wochen Ausreisekurs – gleich zu Beginn.

Mit acht anderen zukünfigten Entwicklungszusammenarbeits (EZ-) Fackkräften sitze ich im Lazarus-Haus in Berlin. Im Herzen der Stadt Blumengarten, Diakonissen, alte und kranke Menschen – und wir.

Ich bin die jüngste im Kurs und entsprechend unerfahren.

Linda* aus Holland zum Beispiel hat schon 10 Jahre in Peru gelebt und bei verschiedenen NGOs (Nichtregierungsorganisation) gearbeitet – und wird in einer weiteren NGO arbeiten und Advocacy Arbeit gegen Menschenhandel machen.

Charles*, Agraringenieur und Wirtschaftsinformatiker mit togolesischer Herkunft und deutschem Pass, hat schon für die GIZ (Gesellschaft für Intenationale Zusammenarbeit – also die staatliche Entsendeorganisation) gerabeitet, war im Tschad und in Sierra Leone gewesen – und wird in die Demokratische Republik Kongo gehen. Wenn er sich in einer der zahllosen Runden vorstellt, betont er „Demokratische“ mit gedehntem Klang. Und bei der Risikoanalyse schreibt er als mögliche Bedrohung „Krieg“ auf die Karte. Ich bewundere ihn der „Krieg“ so selbstverständlich aufschreibt wie die Bedrohung „2 Fahrräder stoßen gegeneinander“.

Da ist Holger*, der als Journalist nach Kolumbien gehen wird um dort lokale Radiostationen zu unterstützen. Da ist Simon*, der in Armenien Flüchtlinge aus Syrien mit armenischen Wurzeln die Integration in der Arbeitsmarkt erleichtern soll. Da ist Maya*, die aus Armenien stammt die im Bereich Bio-Anbau bei einer NGO in Armenien beschäftigt sein wird. Da ist Lucia*, die mit ihrem brasilianischen Mann und ihrem Sohn nach Brasilien gehen wird, als PME-Fachkraft. PME (Planung, Monitoring, Evaluation) ist sowieso eines der Zauberwörter im Wald der EZ-Abkürzungen. Und da sind Vater, Mutter und Sohn, die nach Tansania gehen. Sie, Juristin und Ethnologin, die einen Teil ihrer Kindheit in Tansania verbracht hat, wird sich ebenfalls um PME kümmern, aber auch um Landwirtschaft und sanften Tourismus. Ihr Mann hat die Teilzeitstelle und wird als Therapeut Traumaarbeit machen – Seelsorger vor Ort schulen und einen Zufluchtsort für verfolgte Albinos mitgestalten.

Dabei sind unsere Seminar- und Kursleiterinnen und Klara*, Rückkehrerin, die noch in den letzten Jahren vor der Rente als Sozialpädagogin in Nepal gearbeitet hat. „Alter heißt Radikalität und Meisterschaft“ klingen Udo Lindenbergs Worte in meinem Ohr und Klara sagt: „Wir waren einfach entspannter. Konnten Dinge auf uns zukommen lassen. Wollten nicht sofort alles ändern.“

Wir sind also eine bunte, heterogene Truppe zwischen Anfang dreißig und Anfang 60, eine Schicksalsgemeinschaft für die nächsten 21 Tage.

Von Maya* erfahre ich, dass Brot für die Welt jährlich 2000 Bewerbungen hat. 200 werden zum sogenannten „Orientierungskurs“ eingeladen und landen im Pool potenzieller Kandidat*innen. 100 kommen bis zum Auswahlgespräch und 40 von ihnen werden jedes Jahr vermittelt, 40 von 2000.

Eine von vierzig bin also ich. Wenn ich den Ausreisekurs (AK im Abkürzungsjargon) schaffe und den Rest der Vorbereitungszeit. Keine Unwägbarkeiten wie Krankheiten oder Schwangerschaften dazwischen kommen.

 

 

*Namen geändert

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