Mit kolonialen Grüßen…?

… soll dieser Blog nicht sein. Zumindest so wenig wie möglich.

Wenn es aber stimmt, dass Alltagsrassismus uns meist unbewusst und unsichtbar ist, heißt das, sich eigener Vorurteile und Privilegien  bewusst zu werden und wichtige Bereiche, mit denen Macht und Herrschaft beim Berichten aufgebaut werden können, kritisch zu hinterfragen.

Der Verein glokal e.V. macht nach eigenen Angaben machtkritische Bildungsarbeit und Beratung und hat eine Broschüre zum Thema Berichten von Auslandsaufenthalten mit rassismuskritischem Blick herausgegeben: [Link]

„Die Auseinandersetzung mit Rassismus und dem kolonialen Erbe ist ein (lebens-)langer Prozess, der nicht durch das Lesen einer Broschüre oder einiger Texte abgeschlossen sein kann. Eine neue, weniger diskriminierende Beziehung zwischen vormals kolonisierenden und kolonisierten Gesellschaften und Menschen aufzubauen braucht Zeit, Anstrengung und die Anerkennung, dass der Globale Süden gleichwertig ist, ohne dem Globalen Norden gleichen zu müssen…. Es ist problematisch, wenn wir meinen, Veränderungen in den Nord-Süd-Beziehungen über Wohltätigkeit und Hilfe erreichen zu können. Denn dabei berücksichtigen wir nicht, in welchem globalen Gesellschaftssystem wir leben und welche Position wir darin haben: Wohltätigkeit verschleiert globale kapitalistische Ausbeutung und Ungleichheit und mildert diese – im besten Fall – meist nur soweit ab, dass es nicht zu Aufständen und zum Systemkollaps kommt und alles weiter wie gehabt zu unserem Vorteil laufen kann.“ (Bendix et al., S. 44ff.).

Zu jedem Unterkapitel kann die*der Berichterstatter*in sich selbst anhand von Fragen überprüfen. Diese möchte ich hier posten, um mich selbst daran zu erinnern, mir diese Fragen beim Schreiben zu stellen. Über Kommentare dazu freue ich mich sehr!

Sprache

▶ Denke ich bei meinen Formulierungen unterschiedliche Adressat_innen mit (sowohl Schwarze, People of Color, Weiße als auch Leser_innen in Süd und Nord) bzw. mache ich deutlich, wenn ich es bewusst nicht tue? Oder schreibe und erzähle ich nur aus einer mehrheitsgesellschaftlichen und für eine mehrheitsgesellschaftliche Perspektive, ohne diese zu kennzeichnen, und schließe damit viele Menschen aus?
▶ Durch welche Vorurteile und Vorannahmen über die Menschen und das Land bin ich selbst und ist mein Publikum geprägt?
▶ Erkenne ich, in welchen Momenten ich Erlebtes in vorgefertigte Raster aus Stereotypen und Vorannahmen einordne?
▶ Verwende ich Sprache und Begriffe, die andere Menschen und Regionen nicht stereotypisieren, abwerten oder diskriminieren?
▶ Würde ich die Begriffe, die ich verwende, auch für vergleichbare Phänomene auf den europäischen/westlichen Kontext anwenden?
▶ Kenne ich die Selbstbezeichnungen der Menschen, über die ich schreibe und benutze ich sie?
▶ Mache ich mir klar, wen ich mit wir/uns und sie/die meine? Woran mache ich in dem Moment fest, wer wir und die Anderen jeweils sind?
▶ Kennzeichne ich durch die Form meiner Erzählung (und nicht mit einer bloßen Phrase) meine Beschreibungen als das von mir subjektiv Gesehene und Erlebte? Denke ich dabei meine eigene Positionierung mit?
▶ Stelle ich mich als Expert_in dar, oder stelle ich mich selbst auch mal in Frage?
▶ Vermeide ich Passivkonstruktionen, die dazu dienen, wichtige Informationen zu verschweigen, Verantwortliche nicht zu nennen oder dominante Erzähltraditionen zu reproduzieren?
▶ Versuche ich, möglichst Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen – ohne zu bewerten –, anstatt über sie zu berichten? Oder ziehe ich „authentische“ Stimmen nur dazu heran, meine eigene A rgumentation zu untermauern? Mache ich Menschen in meinen Erzählungen zu Subjekten oder zu Objekten?

(Bendix et. al., S. 23)

Bilder

Fotografieren und Filmen
▶ Warum ist es mir überhaupt wichtig zu fotografieren? Für wen mache ich die Fotos oder Filme?
▶ Warum möchte ich genau dieses Bild aufnehmen und was möchte ich eigentlich damit zum Ausdruck bringen?
▶ Sind die Menschen, die ich abbilden möchte, damit einverstanden? Wobei ein Ja kein Freischein sein sollte, denn die Bilder können trotzdem rassismusreproduzierend wirken.
▶ Wie geht es mir selber, wenn ich einfach so fotografiert und/oder abgebildet werde? Würde ich, wenn ich die andere Person wäre, es gut finden, fotografiert oder gefilmt zu werden?
▶ Versuche ich, Menschen nicht auf ihre Funktion als „anders als wir“ zu reduzieren?
▶ Achte ich darauf, nicht von oben zu fotografieren und Menschen dadurch kleiner erscheinen zu lassen?
▶ Mache ich mir Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen mir als Fotograf_in (z.B. als Erwachsene, zahlende Tourist_innen, Europäer_innen, Weiße …) und den Abgebildeten bewusst?

Veröffentlichung und Präsentation
▶ Habe ich bei Veröffentlichungen (z.B. im Internet) die abgebildeten Personen um ihr Einverständnis gefragt? Gehe ich selbst mit den Bildern, für die ich eine Einverständniserklärung habe, sensibel um?
▶ Nenne ich einheitlich die Namen von entweder allen oder keiner der abgebildeten  Personen bzw. nenne ich die Namen bestimmter Personen bewusst nicht, um sie zu schützen?
▶Verwende ich Bildunterschriften, die nicht bewerten oder den Kontext verfälschen?
▶Nenne ich bei Fotos, die ich nicht selber gemacht habe, Fotograf_in und Bildrechte (Copy Right, Creative Commons …)?

(Bendix et al., S. 27)

Alles extrem hier

▶ Mache ich mir klar, wie viel ich über Erlebnisseberichte, die ich selbst und evtl. auch  mein Publikum als besonders anders und extrem sehen? Was möchte ich damit vermitteln?
▶ Welche der Begriffe und Bilder, die ich verwende, bedienen die Erwartungen der Leser_innenschaft nach Extremen und Grenzerfahrungen?
▶ Mache ich (mir) deutlich, dass das, was für mich als Abenteuer daherkommen mag, für viele Menschen Teil ihres Alltags bzw. Teil von Ausbeutung sein kann, die ich ggf. selbst mit verursache?
▶ Bin ich mir bewusst, dass ich vieles nur aufgrund meiner privilegierten Position erleben kann und beziehe ich das in meine Beschreibungen mit ein?

Nichts als Defizite

▶ Vermeide ich gehäufte Erzählungen darüber, was die Anderen nicht können oder falsch machen und damit den Fokus auf Defizite?
▶ Erkenne ich die Kompetenzen und Positionen anderer an? Erzähle ich über Menschen und Gesellschaften in respektvoller, nicht abwertender Weise?
▶ Halte ich mich mit Bewertungen zurück, wenn es um Verhältnisse geht, in die ich eigentlich keinen Einblick habe?
▶ Beschreibe ich z.B. finanzielle oder ökonomische Armut in einem historischen, politischen oder sozialen Zusammenhang und setze das Erzählte so in seinen spezifischen Kontext?
▶ Stelle ich alle Menschen als aktiv Handelnde dar (anstatt als passiv oder als Objekte)? Handeln die Menschen auch in politischen Bereichen, also jenseits von Hauswirtschaft, Selbsterhalt und „einfachen“ Tätigkeiten?

Defizite(Bendix et al., S. 31)

 

Exotisierung

▶ Vermeide ich Aussagen oder Fotos, die Menschen auf Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Emotionalität und/oder Sexualität reduzieren?
▶ Durchbreche ich aktiv Assoziationsketten wie „natürlich“-„exotisch“-„rückständig“ und vermeide damit implizite Abwertungen?
▶ Gelingt es mir, Menschen als denkende und handelnde Subjekte darzustellen – und nicht als Bewohner_innen eines Freilandmuseums?
▶ Beschreibe ich auch Lebensrealitäten, die meinen exotisierenden Blick enttäuscht haben?

(Bendix et al., S. 33)

Auf der Suche nach dem Authentischen

▶ Werde ich mir bewusst, dass ich vieles, was ich sehe, gedanklich in „Echtes“ bzw. „Wahres“ und „Verfälschtes“ bzw. „Unechtes“ einteile?
▶ Vermeide ich es, Menschen, Regionen oder Dinge als authentisch, echt oder unverfälscht zu bezeichnen oder darzustellen?
▶ Suche und beschreibe ich vor allem auch Lebensrealitäten, die die Menschen nicht auf meine Vorstellung vom authentischen Leben festlegen?
▶ Sind in meinen Berichten auch Themen vertreten, die ich mit „westlich-modern“ in Verbindung bringe (wie z.B. Intellektuelle, zeitgenössische Kunst, Wissenschaft, Subkulturen)? Wie beschreibe ich diese Themen? Denke ich jenseits des Gegensatzpaares „authentisch“-„verwestlicht“?

(Bendix et al., S. 35)

Armut romantisieren

▶ Benenne ich Ursachen und Zusammenhänge von Armut? Erwähne ich historische oder aktuelle Machtverhältnisse, die damit zu tun haben?
▶ Vermeide ich es, die Lebensweisen von Menschen aus dem Globalen Süden zu romantisieren?
▶ Will ich mit meinen Berichten über Menschen im Globalen Süden eigentlich Kritik an der deutschen Gesellschaft üben? Welche Möglichkeiten stehen mir dafür zur Verfügung, ohne den Umweg über den Globalen Süden zu gehen?
▶ Wenn ich Menschen über Armut in Deutschland/Österreich/der Schweiz informieren wollen würde, welche Art der Darstellung würde ich da wählen?

(Bendix et al., S. 36)

Unterwegs als Genderbeauftragte

▶ Versuche ich zu verstehen, warum Geschlechterverhältnisse so sind, wie ich sie wahrnehme (Geschichte, gegenwärtige politökonomische Verhältnisse etc.), anstatt sie als kulturell gegeben abzutun?
▶ Benenne ich die Verhältnisse, über die ich schreibe, auch in meinem eigenen Land? Weiß
ich überhaupt, wie die entsprechende Situation in der eigenen Gesellschaft ist?
▶ Gibt es vielleicht Projekte oder Aktivist_innen, die sich jenseits des (entwicklungspolitischen) Mainstreams gegen Sexismus, Homo- und Transphobie einsetzen und von denen ich berichten kann?

(Bendix et al., S. 39)

Wir als Opfer von Diskriminierung?

▶ Bin ich mir meiner eigenen Privilegien bewusst und berichte ich kritisch über sie?
▶ Unterscheide ich – insbesondere als Weiße Person – zwischen situativer Benachteiligung und struktureller Diskriminierung und Rassismus? Vermeide ich es, Situationen, in denen ich benachteiligt werde, übermäßig in den Vordergrund zu stellen – oder diese als Weiße Person als rassistisch zu bezeichnen?
▶ Mache ich mir den (globalen, historischen) Zusammenhang, Ursache und Wirkung der
Machtverhältnisse bewusst, die in den jeweiligen Situationen eine Rolle spielen?

Die eigene Überlegenheit

▶ Kann ich Neues erst einmal als solches wahrnehmen und Irritationen zulassen, ohne gleich zu bewerten?
Was weiß ich überhaupt über die Situation und die Menschen, die ich gerade beschreibe und/oder bewerte?
▶ Wie komme ich zu der Einschätzung, dass etwas so nicht richtig läuft oder dass ich es besser wüsste?
▶ Erkenne ich die Kompetenzen und Positionen anderer an? Vermeide ich, meinen Einfluss und meine Kompetenzen zu überschätzen und mich als Problemlöser_in zu präsentieren?
▶ Stelle ich mich selbst (und meine eigene Gruppe) nicht als besser, entwickelter oder höherwertiger dar?
▶ Hinterfrage ich meine eigene Gruppe und/oder Gesellschaft auch kritisch, ohne dabei mein Gastland zu exotisieren [➡Exotisierung ] oder zu romantisieren [➡Armut romantisieren ] ?

(Bendix et al., S. 43)

Quelle: Bendix, Daniel; Danielzik, Chandra-Milena; Döll, Jana; Holzwarth, Simone; Juergensohn, Juliane; Kiesel, Timo; Kontzi, Kristina; Philipp, Carolin (2013): Mit kolonialen Grüßen…? Glokal e.V., Berlin, abgerufen am 09.08.2016 unter http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/

 

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