Diebe, Räuber und Banditen

Ich fühle mich hier eigentlich sehr sicher in unserem Haus. Eigentlich.

Also als ich eingezogen bin, fand ich auch, es sehe wie ein Gefängnis aus mit den hohen Mauern, die von Glasscherben geziert werden.

Ein bisschen grün davor und: man gewöhnt sich ja an alles. Schon fühle ich mich zuhause.

Während in postkolonial-kritischen Texten ja über in Afrika eingemauerte Europäer*innen hergezogen wird, sagt meine kamerunische Kollegin Amely: So ist das hier bei uns. Nicht wie bei euch in Europa mit Hecken ums Haus. Wir bauen hier hohe Mauern um uns zu schützen. Alle.

Naja, ganz alle nicht, beobachte ich. Aber mindestens  alle, die so viel Geld haben, dass sie sich ein Auto leisten können (8 Prozent) oder aus anderen Gründen einen Einbruch fürchten.

 

Mit dem nicht verhandelbaren Mauer-Haus habe ich ja auch Haruna, den Wächter, mitgeerbt. Inzwischen ist er nicht mehr nur Wächter, sondern Mitbewohner, Freund, quasi-Familienmitglied und Cultural-Translator – Kulturerklärer – geworden.

Nun ja, all das führt dazu, dass ich mich immer sicherer fühle. Zwar sagen meine Kolleginnen immer, ich soll das Fenster zumachen, wenn ich meine Handtasche auf den Beifahrersitz lege. Aber sie bringen ihren Kindern schließlich auch bei niemanden, die*den sie nicht kennen, zu grüßen.

Die Angst vor Dieben ist einfach viel grösser als alle Diebstähle, denke ich mir. Genau umgekehrt verhält es sich mit der nicht vorhandenen Angst vor Autounfällen (und dem daher unangeschnallten Fahren) und der tatsächlichen Häufigkeit von Unfallopfern.

 

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Jetzt schon mit verstaerktem Fenster: vielen statt nur einer Lattte

Aber seit etwa zwei Monaten hat sich die Situation geändert. Da wurde gegenüber im Kräutergarten im Holzhäuschen eingebrochen und leider das Gehalt von Mama Bernadette geklaut, das sie dort versteckt hatte. Nun, die eine Holzlatte und die Plastikplane am Fenster waren jetzt vielleicht nicht die beste Diebstahlsicherung. Aber das Verbrechen rückt näher.

 

 

Vor ein paar Tagen rennt sogar ein Räuber durch unseren Garten. Ganz ernst zu nehmen ist er in diesem Fall nicht, halbnackt, nur in Shorts, dafür über und über mit Seifenschaum bedeckt.

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Hier ist er drueber geklettert und dem Handwerker in die Arme.

Er kommt von hinten über die Glasscherbenmauer geklettert (wie war das noch gleich mit dem Schutz?), rennt durch den Garten und da das Tor (mit Stacheldraht drauf) zu ist, klettert er dort wieder raus und unserem Handwerker in die Arme. Der fragt den Halbnackten, was er denn mache. Er habe eine Ball gesucht, antwortet der und sucht das Weite. Kurz darauf kommt die Polizei vorbei. Ob man einen Mann gesehen habe. Jaja, natürlich. Er sei ein Räuber, der bei einem bewaffneten Raubüberfall 4 Millionen geklaut haben soll (ca. 6000 Euro). Und ja, er sei unser direkter Nachbar nach hinten raus und wohne dort mit seiner Familie. Sie hätten ihn beim Sich-Waschen aufgespürt.

Unser Nachbar. Nun, ich kenne die Nachbarn*innen aus der Straße unter uns gar nicht. Nur einmal habe ich an allen Haustüren geklopft, weil ich einen Ball gesucht habe… Inzwischen ist er geschnappt, der Nachbar, nicht der Ball natürlich,  und sitzt in einer Zelle, weiß Rolin aus meiner Jugendtheatergruppe.

Man sollte meinen, näher könne er kaum kommen, der Bandit. Falsch gedacht. Seit einiger Zeit wird auch bei uns auf der Arbeit, bei CIPCRE, der Verdacht gehegt, man habe es mit einem Verbrechen zu tun. Und zwar mit einem gewaltigen. Einem Verbrechen aus unseren eigenen Reihen.

In unserer Wochenkonferenz meldet sich Judith, studierte Juristin. Sie hätten vergangenen Freitag ein Verlängerungskabel im Multifunktionssaal gelassen und am Montagmorgen sei es weg gewesen. Was? – Alle Augen richten sich rein zufällig in die Richtung wo üblicherweise die Wachmänner sitzen – oh, von denen ist heute niemand gekommen – na, dann werden eben mal die Hausmeister ins Kreuzverhör genommen.

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Im Multifunktionssaal – mit Verlängerungsschnur

Eine Woche später ist tatsächlich einer der Wachmänner in der Konferenz. Vergangene Woche, berichtet er, hätten sie Teamsitzung gehabt, ansonsten sei nichts Besonderes passiert. Valery, 35, ebenfalls Jurist, meldet sich mit ernstem Gesicht zu Wort. Wie, es sei nichts Besonderes passiert?!!! Es sei sehr schade, dass von ihnen letze Woche niemand dagewesen sei, schließlich sei eine halbe Stunde über das Thema Sicherheit diskutiert worden in der Wochenkonferenz. Das hätten sie mal auf ihrer Teamsitzung besprechen sollen. Und seitdem sei sogar ein neuer Fall aufgetreten. Er selbst sei Zeuge: Am Montagabend sei auf der Toilette noch eine volle Rolle Toilettenpapier gewesen, als wir alle am Nach-hause-Gehen waren. Am Dienstagmorgen sei die Rolle weg… Er korrigiert sich selbst – deutlich reduziert gewesen! Deutlich reduziert! Und außer den Wächtern sei doch um die Zeit niemand da. Dafür zu sorgen sei schließlich ihre Aufgabe.

„C’est grave“ – „Das ist schwerwiegend“ stimmt auch Konferenzpräsidentin Jeanne zu. Und alles nickt bekräftigend. „Ihr seid für unsere Sicherheit zuständig.“ Und stattdessen sei wahrscheinlich, dass der Diebstahl… Aus unseren eigenen Reihen – sagt sie und meint – aus euren Wachmann-Reihen – kommt.

 

Nein, ich verkneife es mir zu fragen, ob vielleicht auch Wachmänner ab und an die Toilette benutzen und dafür Toilettenpapier verwenden.


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